Das Martha’s in Berlin: Zum Schweigen gut

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Es gibt viele Geschichten, die eigentlich zu skurril klingen, um sie zu glauben. In diesem Fall kann man schon fast von einem kleinen Küchen-Märchen sprechen. Man stelle sich einen Architekten aus Düsseldorf vor, der irgendwann beschließt, der Branche den Rücken zu kehren, um Segeln zu gehen. Doch nach einiger Zeit packt ihn dann doch wieder der Ehrgeiz. Zurück in die Baubranche? Auf keinen Fall! Doch was macht man, wenn man nicht weiß, was man machen will. Richtig, was früher galt, gilt heute immer noch: Wer Nichts wird (oder in diesem Fall: etwas anderes werden will), wird Wirt.

Berlin sollte es werden. Und anders. Und natürlich nicht irgendein Restaurant. Ein erfolgsverwöhnter Architekt, der sich in der Vergangenheit mit der Planung und Realisierung von Flughäfen beschäftigt hat, will sich nun mal nicht mit dem Ordinären zufrieden geben. Was fehlt? Ein Name! Doch auch
dieser ist schnell gefunden, schließlich hat Ulf Bohne eine Tochter namens Martha. Und da Ulf nicht nur gutes Essen, sondern auch seine Tochter über alles liebt, wird das Restaurant Martha’s heißen. Was fehlt noch? Eine Immobilie. Aber bitte nicht in Mitte, nicht im hippen Osten! Also ab nach Schöneberg in die Grundewaldstr. 81. Ein Koch? Nicht so einfach. Vor allem, wenn man eine klare Vision hat.

Ebay Kleinanzeigen und ein Einstellungsgespräch auf der Autobahn
Nachdem sämtliche Vermittlungsbesuche mit Köchen gescheitert waren, durchforstete Ulf sogar die Ebay-Kleinanzeigen. Gerade als er das Stöbern beginnt, entdeckt er eine Anzeige von Manuel Schmuck, der sich seine Sporen im Berliner Reinstoff und im Wiener Steirereck verdient hatte. Zwei Namen, die nicht nur dank ihrer beiden Sterne jedem Genussliebhaber ein Begriff sind. Das Problem war nur Folgendes, Ulf war in den Bergen im Urlaub und Manuel wollte sich am Abend auf den Weg nach Hause machen. Spontan traf man sich daher auf einem Parkplatz einer Autobahnraststätte in der Nähe von Kitzbühel. Nachdem die Chemie sofort stimmte und das doch etwas ausgefallene Vorstellungsgespräch für beide mit einem Lachen im Gesicht und einem guten Gefühl im Bauch endete, beschloss man das Projekt Martha’s gemeinsam in Angriff zu nehmen. Ein elementarer Bestandteil des Martha’s ist das Prinzip der wechselnden Küche. Genauergesagt der neuen Berliner Hauptstadtküche. Denn nicht weniger ist das, was die beiden bis heute täglich auf die Teller bringen. Ich glaube, beide sind bis heute überrascht, wie gut die gemeinsame Arbeit funktioniert. Nicht nur, weil das Martha’s inzwischen von sämtlichen Kritikern wie Heinz Horrmann gefeiert wird und auch nicht, weil inzwischen auch als Aufsteiger des Jahres durch die Meisterköche nominiert wurde. Sondern weil man immer noch Freude am tun hat und man von den Gästen entsprechende Komplimente und Wertschätzung bekommt.

Man muss sich einfach wohlfühlen im Martha’s. Und das nicht nur dank des Interieurs welches vom Inhaber persönlich entworfen wurde. Wenn dann noch der Teller auf dem Tisch, fällt es den neuen Besuchern schwer, ihre Begeisterung in Grenzen zu halten. Dies äußert sich bei jedem Gast anders. Bei mir gibt es dafür nur ein untrügliches Zeichen: Schweigen.

Das große Schweigen
Denn wer mich ein wenig kennt, weiss, dass mir vor allem eine Sache im Leben schwer fällt: Schweigen. Doch, nachdem Brot und Wein bereits warteten, machte ich mich sogleich darüber her. Das herrlich duftende und vor allem noch warme Blutwurstbrot war mit nichten nur eine weitere hippe Szenekreation, wie man sie in diesen Tagen zu oft auf Berlins Tellern findet. Es war schlicht und ergreifend fantastisch. Und so passierte es, dass ich das erste Mal an diesem Abend schwieg. Und seelenruhig aß. Mein Brot, das meiner Nachbarn und schließlich bestellte ich noch eine weitere Runde.

Als ich nach dem letzten Bissen gedanklich noch dem Brot hinterher trauerte, folgte jedoch bereits die nächste Offenbarung: Die Chiemgauer Parmesan-See-Forelle war schon im Anmarsch. Auch, wenn die Kombination aus Parmesan, Forelle und Nussbutter-Vanille-Mayonaise in Kombination mit Meeresspargel, Gurke, Pfefferkörnern und einer Salbei-Vinaigrette zugegeben mehr als schräg klingt und mindestens genauso überraschend aussieht, geschah nach dem ersten Bissen das schier Unglaubliche: Ich schwieg erneut. Und schaute in verdutzte Gesichtern meiner Begleitung –  so viel Schweigen sah man mich selten.

Es gibt eben auch beim Essen Abende, die vergisst man sein Leben nicht. Und genau so einen Abend bescherte mir das Küchen- und Serviceteam vom Martha’s bei meinem ersten Besuch. Ich schwor mir, wieder zu kommen und das tue ich bis heute. Bei jedem einzelnen Berlinbesuch. Zum Essen und Schweigen.