Drinks und Drama – großes Kino mit der Goldenen Bar

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Verzweifelt und im Drogenrausch greift Schriftsteller William Lee zu einem Glas Rotwein und trinkt es in einem Zug aus – auch wir nehmen einen Schluck „2013er La Tache de Grenache“, während der würzige Duft eines marokkanischen Marktes noch durch den Raum wabert. Dabei befinden wir uns gar nicht in Nordafrika und sind auch nicht die Trink-Kompagnons von William, sondern sitzen im loungeartigen, kleinen Saal des Münchner Monopol Kinos, in welchem heute die Goldene Bar Herr über Leinwand und Tresen ist. 

Kino und Cocktails, Movies und Mixology – das ist das Motto an diesem Sonntagabend. Niemand anderes als Leonie von Carnap und Klaus St. Rainer haben Freunde, Bekannte und Stammgäste zum zweiten Goldene Bar-Kinoabend eingeladen, an dem nicht nur der David Croneberg Film „Naked Lunch“ gezeigt wird, sondern passend zur Szenerie verschiedene Drinks und kleine Snacks offeriert werden. Und es liegt auf der Hand oder genauer gesagt in den fachkundigen Händen der Gastgeber, dass es heute nicht einfach Popcorn und Cola gibt. Doch wie kamen die beiden auf die Idee eines Cocktail-Kinos? Alles begann hier, im Saal des Monopol Kinos, welchen Klaus für eine Weihnachtsfeier der Goldenen Bar gemietet hatte. Dem Filmliebhaber war sofort klar: diese Räumlichkeit mit ihrer privaten Wohnzimmeratmosphäre, der offenen Bar und den lediglich 35 gemütlichen Sesseln muss genutzt werden. Gemeinsam mit Leonie entstand das Konzept eines „Goldenen Kinoabends“, der bis zum Sommer einmal monatlich stattfinden wird.

Der heute gezeigte Film nach dem Roman von William S. Burroughs ist definitiv nichts für schwache Nerven – nicht umsonst war das Buch in den Sechzigerjahren zeitweise verboten. Um die Handlung kurz zusammenzufassen: Der Protagonist William Lee verfällt einem Insektenschutzmittel, das er als Droge missbraucht, tötet seine Frau, flüchtet nach Marokko und verliert sich immer mehr in Halluzinationen und einer alptraumhaften Welt, in der es von riesigen Käfern, Perversitäten, Blut und Schleim nur so wimmelt. Gut, dass es heute Drinks gibt.

Schon der Aperitif gibt Hinweise auf die Anfangsszene, in dem das braungelbe Schabenpulver zum ersten Mal auftaucht. Man könnte meinen, dass Bartender Max von der Hauptfigur persönlich eine Dosis des perfiden Pulvers zugesteckt bekommen hat, denn die Gläser des dargereichten Gin Tonics sind mit einem braungelben Oleo Saccharum Zitrus-Rand versehen, der glücklicherweise keine psychedelische Wirkung hat, dafür aber angenehm zitronig-süß schmeckt. Doch dies ist nur der Auftakt – während des gesamten Films sorgen die dargereichten Cocktails für Überraschungs- und Irritationsmomente. So will sich William Lee in einer späteren Szene, übermannt von obskuren Halluzinationen, mit einem Drink erfrischen. Er greift zu einer brauen Portweinflasche mit einem auffällig roten „Osborne“ Label. In genau diesem Augenblick reicht uns Leonie die exakt gleiche, braune Flasche mit rotem Etikett. Und eines ist sicher: Der Goldene Bar „Osborne-Drink“ mit Johnnie Walker Goldlabel, Organic Port und Pinot Noir Grapetizer schmeckt garantiert leckerer als William´s Getränk auf der Leinwand.

Insgesamt kredenzen Leonie, Klaus und Max fünf Cocktails – alle auf die Handlung abgestimmt und im haargenau richtigen Moment serviert. Wer trotz Blut, Schleim und anderer Körperflüssigkeiten, die einem von der Leinwand ständig entgegen quillen, trotzdem ein wenig Hunger bekommt, kann sich an kleinen Speisen erfreuen. So gibt es beispielsweise ein Döschen cremiger „Hanfmandelpaste“, in welche die Zuschauer genau wie die Protagonisten des Filmes geröstetes Brot dippen. Eine besondere Herausforderung und gruselige Leckerei sind auch die „Tausendfüsslergrissini mit schwarzem Fleisch“, welche natürlich nicht aus Insekten bestehen, sondern vielmehr aus getrocknetem Rindfleisch nebst gemahlener Sesam-Müsli-Krümel. Die Cocktails und das Essen sind in einem so hohen Maße detailgetreu nachempfunden – vom Gefäß angefangen, über die Rezeptur bis hin zur Optik –, dass es schon fast erschreckend ist. Klaus geht sogar so weit, dass er einen zur Szenerie passenden Duft im Raum verteilt. Und wer einen Blick hinter die Kulissen werfen will, dem soll gesagt sein, dass Klaus hierfür keine simplen, vorgefertigten Räucherstäbchen verwendet. Vielmehr kreierte er eine eigene Duftmischung aus echtem Weihrauch, Rosenblättern und verschiedenster original orientalischer Gewürze, die so lange mit einer Smoking Gun getestet wurden, bis der Duft gefiel und die erwünschte hypnotisierende Stimmung erzeugte. Der Aufwand hat sich gelohnt, denn die Zuschauer werden auf diese Weise tatsächlich mit allen Sinnen in die Handlung hineingesogen.

Nach der Vorführung ist man zugegebenermaßen ein wenig erledigt – und das liegt nicht an den wundervollen und überraschenden Cocktail-Kreationen, sondern an der Handlung des Filmes. Doch neben einer gewissen Erschöpfung sind wir vor allem beeindruckt: Noch nie zuvor haben wir Kino so intensiv erlebt und genossen wie an diesem Abend. Gerüche und Geschmäcker, die ganze Stimmung, inklusive einiger schwarz-humoriger Überraschungen von Seiten der Gastgeber.

Klaus und Leonie haben mit ihrem Konzept das Kino neu erfunden und mehr noch – sie haben eine visuell- wie kulinarisch-reizvolle Interpretation des Foodpairings kreiert. Das Goldene Bar-Kino vereint den Tresen mit der Leinwand und schafft eine kreative Symbiose zwischen unseren Augen und unserem Gaumen. In den Genuss eines solchen Kinoabends kommen derzeit nur Freunde und Stammgäste der Goldenen Bar, die persönlich eingeladen werden. Es wird sich jedoch zeigen wie sich diese neue Eventreihe in Zukunft weiterentwickelt – und vielleicht inspiriert diese innovative Idee ja auch noch andere Theater- oder Kinobetreiber dazu, neben Cola und Chips für ein wenig Abwechslung im Saale zu sorgen. Film ab und Drinks hoch!

Website: goldenebar.de