Alpenglühen im Lehel: Die Seidelei

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Bei alpenländischer Küche denkt man nicht unbedingt modern, sondern eher ein bisschen Elterngeneration. Aber mal ehrlich: In der Gastronomieszene gehört „Fusion“ längst zum guten Ton (und noch ehrlicher: es fusionieren auch oft Küchen, die es lieber bleiben gelassen hätten) und als ordentlicher Hipster is(s)t man ja wohl vegan oder wenigstens veggie. Da freut man sich als anspruchsvoller Alles-Esser doch zwischendurch über einen ehrlichen Klassiker, wie zum Beispiel einen Zwiebelrostbraten. Den gibt es bei Patrick Seidel in der Seidelei, modern interpretiert mit Käsespätzlen und Rohkostsalat.

Dem Gastgeber ist es wichtig, Gemütlichkeit und gute Küche ohne viel ChiChi zu präsentieren. Das gelingt ihm auch, mit kleineren Ausnahmen bei den Vorspeisen. Der dekonstruierte Ceasar Salad aus Kassler von der Perlhuhnbrust kommt leider doch mit etwas zu viel ChiChi und zu wenig Ceasar Salad daher. Sonst aber lädt die Seidelei mit ihrer kleinen guten Stube zum gemütlichen Beisammensein ein. Im charmanten Gastraum mit Holzbalken und Lederbänken geht das Konzept voll auf: Alpenländisch aber modern, gehoben aber kein ChiChi. Es kommt Berghütten-Feeling auf, wenn man in kleinerer Runde an einem der rustikalen Holztische oder an der großen, ebenfalls hölzernen Bar sitzt. Das Holz an Decke und Wänden ist über 100 Jahre alt und stammt tatsächlich aus einer Almhütte!

Dann aber nimmt man sein Glas Wein auf eine Zigarette mit nach draußen und steht mitten im Lehel, im Herzen Münchens. Die Seidelei liegt in der sonst ruhigen Reitmorstraße und ist nur ein paar Minuten Fußweg von der Haltestelle Lehel entfernt, also mit U-Bahn und Tram gut zu erreichen. Mit der Buslinie 100 fährt man sogar direkt in die Reitmorstraße. Hier hat der Gastro-erfahrene Patrick Seidel sich seinen Traum vom eigenen Lokal erfüllt, nachdem er viele Jahre für andere gearbeitet hat, meist in den Restaurants großer Luxushotels. So empfängt und bedient er professionell, aber im eigenen Laden jetzt auch ganz persönlich, herzlich und locker. Bei den wenigen Sitzplätzen und dem heimeligen Interieur fühlt man sich ohnehin schnell wie unter Freunden, Hüttenatmosphäre eben.

Die Karte der Seidelei ist klein und fein, es gibt Fisch, Fleisch und vegetarische Möglichkeiten für alle Gänge. Und was hat sie so zu bieten, die modern interpretierte alpenländische Küche? Als Vorspeise zum Beispiel einen lauwarmen Saibling mit Kimchi vom Blaukraut und Südtiroler Speck. Zugegeben, das klingt und schmeckt dann doch nach Fusion, aber es funktioniert! Der heimische Saibling, lange verdrängt von minderwertigen Zuchtkonkurrenten wie Tilapia, Pangasius und Co., findet hier endlich wieder die verdiente Anerkennung. Wer es zum Entrée schon lieber fleischig mag, fängt mit dem Surf&Turf an. Als Beilage zu Rindertatar und Riesengarnele werden getrocknete Tomaten und Kartoffelstroh gereicht.

Der Zwiebelrostbraten ist wahrscheinlich der unverfälschteste Klassiker auf der Karte. Ein köstliches, großes Stück Rindfleisch in feiner Sauce mit ordentlich Röstzwiebeln, begleitet von Käsespätzlen und Rohkostsalat. Das gibt es sonst nur sonntags bei Oma, schmeckt aber jeden anderen Tag bei Patrick mindestens genauso köstlich. Alternativ wählt man ein Kalbstafelspitz oder das „ehrliche Stück Fleisch“, das nach Tagesangebot und Saison variiert. Das kann einfach ein gutes Entrecôte sein oder auch ein Stück Wild aus den Wäldern rund um Aying. Größe und Beilagen bestimmt der Gast selbst. Deshalb ehrlich. Der Hausmanns-Klassiker „Scholle Finkenwerder Art“ kommt hier in einer edleren Variante mit dem ebenfalls heimischen Zander auf den Teller, zusammen mit Sellerie-Apfelpüree und Nussbutter. Fisch- und fleischlos kann die Seidelei natürlich auch: Tagliatelle mit Trüffeln gehen ja eigentlich eh immer, oder?

Wer noch kann, gönnt sich zum süßen Abschluss ein Schokoladenparfait mit Gewürzkirschen oder Topfenknödel mit Zwetschgenröster, einen echten Alltime-Star der österreichischen Alpenlandküche.

Was für die Speisekarte gilt, gilt übrigens längst nicht für die Weinkarte. Die ist zwar fein, aber alles andere als klein. Hier werden Flaschenweine aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Spanien angeboten. Vor allem Riesling-Fans kommen mit der großen Auswahl rheinischer Rieslinge voll auf ihre Kosten. Und auch bei einem Blick auf die offenen Weine wird schnell klar: Hier gibt es für jeden Gang und Gast das passende Gläschen als Begleitung.

Website: http://www.seidelei.com