Zahle so viel du willst:
5 Konzepte. 5 Ideologien.

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Immer wieder laufen mir Projekte, seien es Restaurants, Cafés, Geschäfte oder Hotels, über den Weg, bei denen man das bezahlt, was man kann oder will. Jedes Mal stelle ich mir die gleiche Frage: Wie kann das funktionieren, beziehungsweise funktioniert das überhaupt?

Das erste Mal kam ich mit dem Konzept in Melbourne, Australien in Kontakt. Überall Backpacker, junge Menschen mit sehr wenig Geld und gutes Essen kaufen ist versus deutschen Verhältnissen extrem teuer. Eines Abends im Hostel erzählt mir eine britische Backpackerin von Lentil As Anything, „Wusstest du, dass man da super lecker vegan essen kann und man kann so viel zahlen wie man möchte?“. Ich schaue fragend. Deutsche Skepsis zieht ein.

Die Hintergründe und Treiber der Gründer sind sehr verschieden. Liebe für Alle, was Gutes tun, gesellschaftliche Hürden aufweichen, zurückgeben, helfen. Ein Geschäftsmodell, das auf Vertrauen basiert. Ist dafür eine Gesellschaft wie die unsere schon bereit oder sind es Ausnahmen von Ausnahmen, die sich irgendwie über Wasser halten?  Laut einer Studie der Wissenschaftler G.Riener und C.Traxler der Universität Düsseldorf bzw. der Hertie School of Governance in Berlin, bezahlen nur 0.5% der Gäste gar nicht. Alle anderen bezahlen. Und das, weil irgendwie doch jeder ein Gutmensch sein möchte, und die, die mehr geben, das derer ausgleichen, die weniger geben können. Moralität wird hier eben mitserviert.

#1 Lentil As Anything: Essen ohne Grenzen.

Sydney & Melbourne, Australien. Seit 2000.

Jeder verdient einen Platz am Tisch! Bis zu 10.000 Gerichte werden in 4 Städten und 6 Küchen täglich gekocht und gegessen. Freiwillige Helfer, Spenden, ein Food-Rescue-Programm und ein eigenes urbanes Gardening-Kollektiv unterstützen das Projekt. Mehr als ein Restaurant, bezeichnet der Gründer Shanaka Fernando seine Idee, es handelt sich um einen Begegnungsort und kreativen Spielplatz.

www.lentilasanything.com

#2 Wiener Deewan: All you can eat, pay as you wish!

Österreich, Wien. Seit 2005.

Die Getränke sind im persischen Restaurant Deewan mit einem festen Preis versehen. Für das Essen zahlen die Gäste an der Kasse basierend auf ihrer eigenen Einschätzung: Wieviel habe ich gegessen, wie gut hat es mir geschmeckt und natürlich auch: Wieviel kann ich geben? 3 Räume, 75 Stühle, 5 Currygerichte, Reis, Brot, Salat und Dessert. Und was nach 22:30 noch übrig bleibt, wird von den Foodsharing Foodsavern in Wien abgeholt und …aufgegessen. Afzaal Deewan kam 2004 als Asylbewerber nach Österreich. Anstatt auf seine Aufenthaltsgenehmigung zu warten, nahm er sein Schicksal in die Hand und konzipierte mit seiner Frau Natalie einen Ort des Austauschs.

www.deewan.at

#3 Not another hostel: Menschen sind gut!

Pittsburgh, USA. Seit 2002.

„Es ist eine Philosophie, kein Business“, sagt Jon Potter, der Gründer von Not another hostel. Das Projekt startete er nach vielen Reisen und ganz besonderen Erlebnissen in Argentinien. Ein alter Brauch besagt dort, dass man alle Reisenden, die man trifft, für 3 Tage beherbergen und umsorgen soll. Und das wurde er tatsächlich königlich! Jon nahm sich dies zu Herzen und gründete nicht nur im Jahre 2002 das Hostel, sondern kaufte in 2005 zusätzliche Gebäude, in denen Obdachlosen zurück in ein stabiles Leben finden können. Bezahlung findet hier in Form von freiwilligen Beträgen, Spenden und Freiwilligenarbeit statt.

www.notanotherhostel.org

#4 Grandhotel Cosmopolis: Sehnsucht nach einer besseren Ordnung.

Augsburg, Deutschland. Seit 2013.

Aus einem leerstehenden Altersheim wurde im Jahr 2013 das gesellschaftliche Gesamtkunstwerk und die Gemeinschaftsunterkunft Grandhotel Cosmopolis. Aus der Not und dem Wunsch Menschen näher zusammenrücken zu lassen. Es gibt Hotelgäste mit und ohne Asyl, Künstler, Besucher, Personal – Menschen mit unterschiedlichen Motivationen, Berufen und Lebensumständen. Neben den 12, von verschiedenen Künstlern gestalteten Hotelzimmern, gibt es im Erdgeschoss 4 weitere Hostel-Mehrbettzimmer. Des Weiteren haben bis zu 60 Asylbewerber in den 3 anderen Etagen Platz.  Ein Gastronomiebereich im Erdgeschoss lädt zu Frühstück, Mittagessen und dem ein oder anderen Bier ein. Selbstverständlich bezahlt auch hier jeder wie er kann. Richtpreise zeigen allerdings auf, ab welchem Betrag Kosten gedeckt werden.

www.grandhotel-cosmopolis.org

#5 Trust Café: Pay as you feel!

Amsterdam, Niederlande. Seit 2014.

Es geht um Achtsamkeit gegenüber anderen und sich selber. Das ist der Hauptgrund und auch die Erklärung dafür, weswegen alle Menschen, die im Trust Café arbeiten, dies unentgeltlich tun. Es geht um viel mehr als Helfen. „It is a place to be happy for no reason“, sagt Maarten, einer der Gründer. Im besten Falle bekommt man hier ein anderes Gefühl. Ein dezidierteres Gefühl  für Geld oder Leistung.

www.trustamsterdam.org

 

Wenn man sich einmal genauer anschaut, wie die jeweiligen Konzepte gestrickt sind, muss man oft feststellen, dass ohne Spenden und freiwillige Helfer kaum eines der Konzepte überleben könnte. Und damit meinen wir nicht den Profit, sondern ganz klassisch das „Kosten decken“. Es bedarf Mut sich in dieses Abenteuer zu stürzen. Denn offensichtlich übergibt man das Preisgefüge praktisch komplett an den Kunden. Anzumerken, dass wohl die wenigsten derer wissen, was sich alles in den Kosten verbirgt.

Im besten Falle macht man sich aber selber ein Bild! Und horcht einmal tief in sich hinein und beobachtet, wie man selber reagiert, wenn man entscheiden kann was einem Service und Leistung wert sind. Ob man so viel Selbstbestimmung eigentlich möchte? Die Ergebnisse sind manchmal sehr interessant.