Leicht statt schwer, satt statt platt: Das Schwarzreiter in München

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Vor schicken Sterne-Restaurants habe ich immer erst einmal Respekt. Wieso eigentlich? Man verdient doch ganz gut, denke ich mir, man kann sich doch dort auch einmal ein entsprechendes Essen gönnen. Und trotzdem habe ich immer das latente Gefühl, dass ich dort eigentlich nicht richtig reinpasse; dass man mir ansieht, dass ich mich hierhin nur verirrt habe. Verirrt habe ich mich nicht, ich bin in diesem speziellen Fall sogar in doppelter Zielstrebigkeit unterwegs: privat und für J’adore food. Aber das Gefühl bleibt.

Mit schnellen Schritten gehe ich über die Maximilianstraße. Eigentlich überquere ich jeden Morgen mit dem Fahrrad eben diese zwischen der Schwarzreiter Tagesbar und dem Dior-Geschäft gegenüber, um zum Büro zu kommen. Jedes Mal beäuge ich auf dem Heimweg dann die Gäste, die dort auf der Terrasse sitzen und sich einen Aperitif gönnen. Jedes Mal habe ich mich gefragt, was das für Menschen sind – Touristen? Besserverdiener? Bestimmt! Seit Tambosi-Ende vielleicht auch die, die gesehen werden wollen?

Jetzt gehe ich die schicke Eingangsgtreppe hoch. Freundlich werde ich empfangen und schaue mir erst einmal neugierig die Räumlichkeiten an. Die Schwarzreiter Tagesbar befindet sich im vorderen Bereich, das Sterne-Restaurant im hinteren Teil. Dort gibt es dann die 4-7-Gang-Menüs, während man in der Tagesbar auch etwas weniger aufwendig à la carte essen kann. Fun Fact: Das Restaurant wurde übrigens nach dem Lieblingsfisch König Ludwigs II. benannt, einem kleinen geräuchterten Saibling, den man Schwarzreiter nennt. Meine Begleitung rückt an. Wir nehmen am Fenster platz, mit Blick auf die Maximilianstraße, und beobachten die Schlenderer und Schaufenstergucker.

Unsere Bedienung Flor ist reizend, unaufdringlich, charmant und lässt uns tatsächlich jede kleine Anspannung sofort vergessen. Ich glaube, selten habe ich mich mit Personal so wohl gefühlt wie hier. Wir diskutieren fröhlich über die Speisekarte, lassen uns Dinge empfehlen, lachen und fühlen uns gut richtig aufgehoben.

Zum Start erst einmal einen ordentlichen Aperitif, Alkohol macht bekanntlich ja auch immer eine Ecke entspannter. Nach einem großartigen „Balade à Velo“ („Fahrradtour“) mit St Germain, Tonic Water, Sparkling Wine und Grapefruit Bitters sowie einem „Passion Love“ mit Maracuja und ebenfalls Sparkling Wine kann der Abend so richtig losgehen. Wir starten mit einem großartigen Amuse-Bouche aus einer Terrine auf Schüttelbrot und einem kleinen Gelée-Apfel mit salziger Füllung. Kurz bin ich an die Künste des aus der Netflix Serie Chefs Table bekannten Grant Achatz erinnert, der im Chicagoer Restaurant Alinea die Sinne verrückt spielen ließ und Erdbeeren servierte, die nach Tomate schmeckten. Aber keine Sorge, in dem Falle schmeckte nicht nur alles ganz wunderbar, sondern auch genau wie von Flor erklärt und beschrieben.

Beim nächsten Gang, einer Assemblage aus bayerischem Waygu Rind mit verschiedenen Sanddorn-Kreationen, fangen wir dann langsam an, zu begreifen, was das denn sein soll, diese Young Bavarian Cuisine, mit der sich nicht nur Küchenchef Anton Pozeg, sondern auch der Rest der Schwarzreiter-Crew tagein tagaus beschäftigt. Und die dem Team und Restaurant vor Kurzem auch direkt einen Michelin Stern eingefahren hat. Bayerische Küche, aber eben zeitgemäß interpretiert. Leicht statt schwer, satt statt platt, kreativ und lokal. Reduzierte Beilagen, wenig Ablenkung, dafür viele interessante und wirklich außergewöhnliche Geschmackskombinationen, die volle Aufmerksamkeit verdienen.

Auf Rind folgt Maultasche. Gefüllt mit Trüffel, Gänseleber und Waldpilzen in einer Consommé der Extraklasse. Dieses Süppchen hat sicher einige wohlinvestierte Stunden gekocht, um diesen grandiosen Geschmack zu bekommen! Als Hauptgang teilen wir uns schlussendlich die „Isarlobsterbox“. Eine Hommage an den Hummer in allen seinen Facetten. Von Filetstücken auf frischem Spinatgemüse über ummanteltes Hummerfleisch auf wunderbar cremigem Kartoffel-Erbsen-Püree bis zu einer unglaublich gut gewürzten Lobster-Bisque, ein echter Klassiker. Hummer schmeckt einfach in jeder Art der Zubereitung, aber hier noch einmal besonders. Die von Sommelier und Restaurantleiter Andrej Grunert ausgewählten Weine begleiten uns zu den Gaumenfreuden fröhlich durch den Abend.

Zu guter Letzt (und schon zu Beginn des Abends gierig auf der Karte gespottet), bestellen wir uns noch einen Kaiserschmarrn im Pfandl mit Zwetschgenröster und Vanilleeis und verleiben uns diesen ein. Damit sei gesagt: Rien ne va plus, nichts geht mehr!

Mit vollen Bäuchen und glücklichem Lächeln verlassen wir die Schwarzreiter Tagesbar Richtung zuhause und sinnieren noch ein wenig darüber, wie unser Fazit denn so lauten sollte. Wir waren unglaublich begeistert vom Essen, den vielen Geschmäckern und dem wunderbaren Service. Das Klientel dort bleibt uns aber immer noch ein bisschen fremd. Vielleicht aber auch, weil wir nicht gebürtig aus München kommen und die Bussi-Bussi-Gesellschaft nicht so richtig nachempfinden können. Aber das ist ja schließlich unser Problem, und nicht das des Schwarzreiter. Ein Besuch hier ist absolut empfehlenswert und wem es möglich ist, der sollte unbedingt einmal vorbeischauen und sich sternemäßig verwöhnen lassen.

Webseite: www.schwarzreiter-muenchen.de