Tunesisch über den Tellerrand kochen

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Gemeinsam zu kochen, zu essen und zu trinken verbindet und hat die Macht, aus Fremden Freunde zu machen. Kein Wunder also, dass genau hier der gemeinnützige Verein Über den Tellerrand kochen München  e.V. ansetzt: Durch Kochevents bringt er erfolgreich Geflüchtete und Beheimatete zusammen und leistet so einen wichtigen Beitrag zur Integration. Zum Nutzen und zur Freude aller. Ich habe in München Tunesisch über den Tellerrand gekocht, viel gelernt, köstlich gegessen und neue Bekanntschaften gemacht. Ein Erfahrungsbericht.

Kochen für alle

Die regelmäßig stattfindenden Kochevents von Über den Tellerrand sind mittlerweile so beliebt, dass immer fast 30 Menschen zusammenkommen. Diese Events sind das Herzstück des Vereins, der mittlerweile auch Kochkurse mit Köchen und Köchinnen mit Fluchterfahrung anbietet und den lockeren Kochtreff im Einstein 28 der Volkshochschule München betreibt, jeden zweiten Donnerstag im Monat. Immer eine andere Länderküche steht dabei im Fokus, ein oder zwei Landsmänner und -frauen sind die Küchenchefs, alle Arbeiten wie Schälen, Schnippeln und Waschen werden auf die Teilnehmer verteilt. So entsteht unter kompetenter Anleitung gemeinsam etwas Leckeres.

Zu Beginn fanden die Kochevents nur einmal im Monat statt, da haben uns die Leute die Bude eingerannt. Daraufhin haben wir den Takt erhöht.

Jeder, der möchte, kann Rezepte mitbringen, beim nächsten Treff als Küchenchef*in fungieren oder auch ganz neue Initiativen vorschlagen. „Integration auf einfacher Ebene“ nennt Jasmin, seit 2015 dabei und inzwischen Vorsitzende des Münchner Vereins, dieses offene Prinzip. Da wundert es nicht, dass der jüngste Teilnehmer gerade einmal 28 Tage alt war, die älteste bereits über 70!

Tunesisch über den Tellerrand kochen

Die heutige Köchin war bei der Weihnachtsfeier des Vereins zum ersten Mal dabei. So wird heute also Tunesisch gekocht. Es gibt zweierlei Couscous (mit und ohne Fleisch), Börek und Salat, zum Nachtisch gefüllte Datteln. Im wunderschönen Kriechbaumhof in Haidhausen ist die kleine Küche bereits rappelvoll mit Menschen, die sich ihre Schürzen und Namensbuttons abholen. Dann geht es in Richtung der großen Holztische, auf denen schon Brettchen, Messer, Schüsseln und allerhand Gemüse vorbereitet sind.

Viele der Anwesenden kommen öfter zu den Kochevents, kennen sich also schon. Es sind aber immer auch neue Gesichter dabei, deshalb beginnt der Abend offiziell mit einer Vorstellungsrunde. „Ich heiße Nadja, bin 28 und habe von einem Freund über euch erfahren. Wenn ich mich heute zu Fasching verkleiden müsste, wäre ich Spiderman.“ So geht es reihum, bis wir uns bekannt gemacht haben, dann legen wir mit der Küchenarbeit los.

Gemeinsam für die Integration

Seit 2013 gibt es Über den Tellerrand nun schon, zunächst in Berlin, seit 2015 auch in München und mittlerweile als deutschlandweites Netzwerk. Auf die Beine gestellt wurde er durch engagierte Ehrenamtliche, die etwas verändern wollten und wollen. Viele von ihnen, darunter Jasmin, arbeiten immer noch unbezahlt, 30-40 Stunden die Woche. „Zu Beginn fanden die Kochevents nur einmal im Monat statt, da haben uns die Leute die Bude eingerannt. Daraufhin haben wir den Takt erhöht.“ Dennoch sind die Events immer voll und mit knapp 30 Teilnehmer*innen eigentlich schon meist zu groß, findet Jasmin.

Die Vereinsarbeit fokussiert sich auf gemeinsame Erlebnisse von Geflüchteten und Beheimateten rund ums Thema Kochen. Bei den Kochabenden, Kochkursen, Picknicks oder den Community Treffen werden interkulturelle Netzwerke geschaffen: Jeder soll die Möglichkeit bekommen, mit seinen Erfahrungen und seinen Stärken zur Gesellschaft beizutragen und so für mehr Respekt und Offenheit einzustehen. Dafür sorgt ein Kernteam von rund 10 Leuten, circa weitere 30 helfen punktuell aus.

Mittendrin statt nur dabei

Der 28-jährige Radwan ist seit 7 Monaten Teil des Teams. Er stammt aus Syrien und ist seit knapp eineinhalb Jahren in Deutschland. Den Verein lernte er kennen, als er selbst an einem Kochevent teilnahm – am heutigen Abend kennt er 10 der Anwesenden. In Syrien war er Konditor, in Deutschland arbeitet er in einer Bäckerei. Das macht ihn zum Spezialisten für die Nachspeisen der Kochevents. „Da fällt den anderen oft nichts ein, dann helfe ich immer mit etwas Neuem aus“, sagt er lachend und auch ein bisschen stolz.

Durch die Begegnungen bei den Kochabenden lerne er schneller Deutsch, seine Muttersprache ist Arabisch, Englisch hat er nie gelernt. Am Anfang sei hier alles sehr schwierig gewesen für ihn, mittlerweile fühlt er sich wohl, hat Freunde, meistert langsam aber sicher die Sprache und will bleiben. Er hat es auch in Ägypten und der Türkei versucht, aber nur in Deutschland habe man wirklich Möglichkeiten, wenn man ehrgeizig ist.

Die junge Ungarin Blanka war 2009 wegen eines Mannes nach Deutschland gekommen. „Der ist natürlich nicht mehr aktuell“, lacht sie. Zunächst arbeitete sie als selbstständige Englischlehrerin, mittlerweile im ungarischen Konsulat. Für das Menü des letzten Kochevents war sie verantwortlich. Mit ihrer Mitbewohnerin, ebenfalls eine Ungarin, kochte sie Gulaschsuppe, Nudeln mit Speck und Quark und süße Pfannkuchen zum Nachtisch. Für so viele Menschen zu kochen sei schon eine Herausforderung gewesen, verrät sie. Spaß machte es dennoch, und geschmeckt hat es wohl auch. Das erfahre ich von einigen Teilnehmern, die auch schon beim letzten Mal dabei waren.

Bis zum nächsten Mal

Auch heute Abend schmeckt es hervorragend. Das Fleisch ist zart und würzig, das Gemüse bissfest, der Couscous feinkörnig und der Salat frisch und knackig. Sogar die Böreks, bei deren Herstellung wir Ungeübte etwas mit dem Yufka-Teig zu kämpfen hatten und die deshalb nicht so formschön geworden sind, schmecken toll. Die mit Halva gefüllten Datteln sind heute nicht von Radwan, gehen aber trotzdem weg wie… na, wie gefüllte Datteln eben.

Nach dem Essen räumen alle gemeinsam auf, spülen das Geschirr und helfen, die Utensilien ins Auto zu tragen. Denn auch das gehört dazu, ebenso wie ein Beitrag in die Spendenbox. Das Essen und die Teilnahme sind nämlich umsonst. Ich jedenfalls kann nach diesem Abend gut verstehen, warum viele immer wieder dabei sind. Denn was gibt es gegen gutes Essen, spannende Leute und einen Blick über den Tellerrand schon einzuwenden?

Neugierig geworden?

Falls Ihr nun auch Lust bekommen habt, Euch zu engagieren, gibt es diverse Möglichkeiten bei Über den Tellerrand, in München oder auch anderswo!

  • Selbst aktiv werden? Der Verein sucht laufend Ehrenamtliche zur Unterstützung der vielen Events in mehreren deutschen Städten. Ihr könnt natürlich auch einfach erst einmal zum Kochen vorbei kommen. Alle Infos rund um die Events und die Anmeldung findet Ihr auf Facebook, auf der Website oder hier.
  • Keine Zeit, aber etwas Geld? Mit Spenden könnt ihr den Verein und seine Projekte tatkräftig und ohne großen Aufwand unterstützen. Klickt einfach hier. Eure Spenden fließen 1:1 in die Arbeit von Über den Tellerrand.
  • Inspiration gefällig? Mittlerweile hat der Berliner Verein bereits zwei wunderschöne Kochbücher herausgebracht, alle Einnahmen aus deren Verkauf fließen direkt zurück in die Projektarbeit. Hier geht’s zum Shop.
  • Küchenfee? Wer zufällig Zugang zu einer großen, geilen Küche hat und diese dem Verein ab und an zur Verfügung stellen möchte, würde einen großen Beitrag leisten!

Website: https://ueberdentellerrand.org/
Facebook: Über den Tellerrand kochen München
Instagram: #maketheworldabetterplate